Hoerakademie Freiburg

Trop de stimulation, tue la stimulation

Anfang Oktober war ich bei einer vom französischen Tomatis-Berufsverband ausgerichteten Tagung in Nantes. Zu diesem Treffen kamen KollegInnen aus ganz Europa und Übersee, so z.B. auch Liliana Sacarin und Paul Madaule. Somit begegneten sich in Nantes verschiedenste Tomatis-Tradtionen, und es fand ein spannender und intensiver Austausch statt, wirklich bereichernd!

Die Kolleginnen aus Nantes hatten gleich zu Beginn der Tagung ein Diskussionsforum zum Thema „trop de stimulation, tue la stimulation“ (zu viel Stimulation „tötet“ die Stimulation) eingeplant, eine Beschreibung die wir aus allen Lebenslagen kennen. So stößt z.B. zu viel aufgetragenes Parfum uns eher ab, als dass es uns lockt.

Da wir mit unserer Hörtherapie auf verschiedenen Wahrnehmungsebenen (Hörwahrnehmung, Körperwahrnehmung, Gleichgewichtsregulation, Vernetzung der Sinne...) stimulieren, ist es ein entscheidendes Thema für uns Hörtherapeuten täglich zu schauen, wieviel Stimulation verträgt das Kind und/oder der Erwachsene heute, so dass Anregung stattfinden kann und Überstimulation vermieden wird. Diese Balance zu finden, ist so individuell, wie wir Menschen individuell sind.

In der Konsequenz bedeutet das, dass wir im täglichen Gespräch mit unseren Klienten bleiben müssen, ihr Erleben und ihre Reflexion darüber den allerhöchsten Wert haben und wir als Therapeuten eine reflektierte Beobachtungsfähigkeit täglich schulen sollten.

Mit dieser therapeutischen Haltung entfernen wir uns weit von allen Therapieverfahren, die therapeutische Tools am Menschen „abarbeiten“ und die Vorstellung haben, den Menschen und seine Symptome „behandeln“ zu können.

Hörverarbeitung und ihre Alltagsrelevanz

Heute war eine ältere Klientin zum Kontrollhörprofil und anschließendem Gespräch, Beides bieten wir immer 3 Monate nach der Hörtherapie kostenfrei an. Uns freut es immer sehr, wenn die Menschen, die wir in den zwei Hörphasen intensiv begleitet haben, noch einmal den Weg zu uns finden und berichten, wie sie mit dem Abstand von ein paar Monaten die Hörtherapie bewerten und was sie als stabile Veränderungen in ihrer Wahrnehmung, Kommunikation und im Hören erleben.

So auch heute: die Verbesserungen im Hörprofil bei der heutigen Besucherin waren stabil geblieben, was sicherlich auch daran liegt, dass sie sehr intensiv musiziert und ihr Gehör somit täglich aktiv nutzt. Spannender waren für mich allerdings ihre Sätze wie: „ich bin nicht mehr lärmempfindlich, insbesondere Hall macht mir nichts mehr aus“, „ich kann Konzerte ganz anders genießen, mein Musikempfinden hat sich verändert“ und „früher habe ich immer nur reagiert, jetzt agiere ich“.

Diese Sätze zeigen die Alltagsrelevanz einer schnellen und sicheren Hörverarbeitung und -wahrnehmung. Ein wacher und sich seiner selbst bewußter Erwachsener kann das so erleben und beschreiben, bei den Kindern können wir es oft sogar sehen: die Kinder entwickeln eine andere Aufrichtung, ihr Blick ist wacher und neugieriger, ihre Gefühle drücken sich ursächlicher in ihrer Mimik aus und sie wirken nach 2 Phasen Hörtherapie häufig sichtlich gereift.

Es gibt aber auch Kinder, die beeindruckend beschreiben können, was sie als Veränderung erleben, so letzte Woche eine 14-jährige: „Irgendwas hat sich geändert, denn ich kann öfter entscheiden, wo ich hinhören möchte und mich stört z.B. das Stühle scharren nicht mehr beim Zuhören“.

Um das Mädchen mache ich mir nun keine Sorgen mehr, denn wer so eine differenzierte Wahrnehmung hat, diese so steuern und auch noch beschreiben kann, wird zukünftig gut für sich sorgen können.